Herzog warnt: Geld allein rettet das System nicht

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Kurz vor Ostern legte die GKV-Finanzkommission ein Paket aus 66 Maßnahmen vor. Viele Vorschläge zielen auf eine schrittweise Stabilisierung der Sozialkassen. Apotheken werden zwar nicht tief getroffen, doch das geplante Packungsfixum soll nicht sofort, sondern gestaffelt bis 2031 steigen. Das dämpft die Hoffnung auf eine schnelle Dynamisierung.

Kleinschrittige Reform statt großer Wende

Die Vorschläge lesen sich wie zahlreiche kleine Stellschrauben.

Eine groß angelegte Systemreform vermisst Professor Reinhard Herzog. Stattdessen setze die Kommission auf moderate Anpassungen. Das Ergebnis sei politisch leichter durchsetzbar. Inhaltlich reiche es jedoch nicht aus, kritisiert er.

Finanziell macht es Sinn, die Honorare der Leistungserbringer langsamer wachsen zu lassen. Dort schlummere nach Schätzungen ein Einsparpotenzial zwischen 5 und 12 Milliarden Euro pro Jahr. Das deutsche Gesundheitswesen sei schwach kapitalisiert. Es sei jedoch stark personalintensiv. Deshalb dominierten Personalkosten die Ausgabenentwicklung.

Hochpreisige Medikamente: Sparpotenzial bleibt unangetastet

Bei den eigentlich großen Einsparhebeln will die Politik nur vorsichtig vorgehen.

  • Hochpreisige Arzneimittel und teure Spitzenmedizin bergen großes Potenzial.
  • Konsequente Preisverhandlungen oder sogar Rationierung werden aber vermieden.
  • Eine EU-weite Ausschreibung könnte Druck auf Preise bringen. Sie würde aber den Marktzugang verlangsamen.

Auch bei den Zuzahlungen zeigt sich Zurückhaltung. Die im Bericht veranschlagten 2 Milliarden Euro mehr erscheinen im Gesamtkontext als relativ kleine Summe.

Bürgergeld-Finanzierung: Buchhalterische Verschiebung

Ein großer Posten in der Kostenaufstellung betrifft Bezüge von Bürgergeldempfängern.

Formal ist es richtig, dass versicherungsfremde Leistungen nicht aus Beitragsmitteln bezahlt werden sollen. In der Praxis bedeutet das aber oft nur eine Verschiebung der Belastung zwischen Beitrags- und Steuermitteln. Angesichts knapper Haushalte ist das im Grunde ein Fall von „rechte Tasche, linke Tasche“.

Bürokratie frisst Ressourcen und Leistungskraft

Der demografische Wandel treibt die Kosten nur marginal voran. Herzog schätzt den Effekt auf weniger als ein Prozentpunkt pro Jahr. Das Problem sei ein anderes.

Die sogenannte Fortschrittskomponente wirkt stärker. Eine kleine Patientengruppe verursacht einen großen Anteil der Gesamtkosten. Zugleich bremst schlechte Organisation den Versorgungsalltag.

  • Ärztinnen, Pflegekräfte und Apotheker verbringen viel Zeit mit Verwaltung.
  • In vielen Einrichtungen wird zu wenig reine medizinische Arbeit geleistet.
  • Mehr Geld allein wird die strukturellen Mängel nicht beseitigen.

Mehr als 6 Millionen Menschen arbeiten im Gesundheitssektor. Die Strukturen haben sich verfestigt. Eine höhere Vergütung allein löst das Problem der Unterversorgung im ländlichen Raum nicht. Selbst starke Einkommensanreize hatten bisher nur begrenzte Wirkung.

Konkrete Folgen der Fixum-Streckung für Apotheken

Die Kommission schlägt vor, das Packungsfixum schrittweise zu erhöhen. Das hat direkte Auswirkungen auf die Apotheken-Einnahmen.

Wird das Fixum sofort auf 9,50 Euro im Jahr 2027 angehoben, ergäbe sich pro Apotheke im Schnitt ein Plus von rund 55.000 Euro.

  • Bei einem angenommenen Lohnzuwachs von 4 Prozent und einem Abzug von 1 Prozent läge das Fixum eher bei 8,60 Euro 2027. Das wären rund 45.000 Euro weniger pro Betrieb gegenüber 9,50 Euro.
  • 2028 würde das Fixum etwa 8,86 Euro betragen. Das entspricht rund 32.000 Euro Minder-Einnahmen.
  • 2029 wären es noch etwa 19.000 Euro weniger.

Über die Jahre summierten sich diese Differenzen. Bei der 4-Prozent-Variante läge das Gesamtnachteil bei knapp 96.000 Euro pro Apotheke im Vergleich zur unmittelbaren Erhöhung. Selbst bei 5 Prozent Lohnsteigerung bliebe ein Minus von rund 70.000 Euro.

Für das GKV-System ergibt die gestreckte Lösung Einsparungen von etwa 1,8 Milliarden Euro inklusive Mehrwertsteuer gegenüber der Soforterhöhung. Bei stärkerer Lohnentwicklung wären es rund 1,3 Milliarden Euro.

Position des Experten und sein Hintergrund

Wer ist Reinhard Herzog?

Reinhard Herzog ist promovierter Pharmazeut. Er studierte in Freiburg und forschte in Tübingen zur Pharmazeutischen Technologie.

Akademische und berufliche Stationen

  • Mehr als 30 Jahre Lehre in Life-Science-Studiengängen an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen.
  • 2020 Ernennung zum Honorarprofessor.
  • Mitinitiator und Dozent der Studiengänge „Apothekenbetriebswirt:in“ und „Pharmazieökonom:in“ an der Hochschule Schmalkalden.

Beratung und Tätigkeiten

Herzog berät freiberuflich Apotheken und Arztpraxen. Er erstellt Gutachten und Standortanalysen. Zudem entwickelt er Rechentools für die Praxis.

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